Wir treffen Prof. Dr. zu Knyphausen-Aufseß in seinem Büro an der Technischen Universität Berlin. Zur Unterstützung ist auch Dipl.-Ing. Tim Franke anwesend. Der wissenschaftliche Mitarbeiter ist verantwortlich für die Kooperationsplattform Center of Knowledge Interchange, einer Brücke zwischen Universität und Praxis. Wir fragen uns was aus ihrer Sicht wichtig für die Absolventen von heute und morgen ist, um bei den Toparbeitgebern unterzukommen und wie sich die Unternehmen in Zeiten des Fachkräftemangels an den Universitäten engagieren.
CCT: Könnten Sie in wenigen Sätzen das Konzept des Center of Knowledge Interchange (CKI) erläutern?
Prof. Dr. zu Knyphausen-Aufseß (zKA): Es handelt sich um eine Kooperation der Firma Siemens mit der TU Berlin. Siemens unterhält mit einer ganzen Reihe von technischen Universitäten in Deutschland, aber auch international solche Kooperationsbeziehungen. Wir sind eine dieser Zielunis, weil wir natürlich als technische Universität entsprechende Absolventen produzieren. Die Zielsetzung dieser Kooperation besteht darin, dass wir auf der einen Seite die Anbahnung gemeinsamer Projekte und auf der anderen Seite die Talentrekrutierung unterstützen. Das heißt also letztlich, dass wir die Firma Siemens hier an der TU positionieren und Möglichkeiten schaffen, dass Studierende Kontakt mit ihr aufnehmen können.
Welchen Nutzen hat die Kooperation für die Studenten? Gibt es Projekte und Workshops?
zKA: Die Forschungsprojekte beziehen sich zunächst hauptsächlich auf die Lehrstühle und auf die Forscher an der TU. Die Studierenden profitieren insofern, dass sie in diese Projekte mit eingebunden werden, zum Beispiel über Diplom- oder andere Studienarbeiten. An unserem eigenen Lehrstuhl führen wir eine Art Beratungsprojekt durch, welches sich an Studierende der ganzen Universität richtet und in dem wir in Zusammenarbeit mit einem Geschäftsbereich und der Siemens Management Consulting (SMC) einen bestimmten Unternehmensbereich beleuchten und beraten. Dies findet einmal im Jahr statt und dauert ein Semester. Ich halte das für ein sehr spannendes Setting, weil die SMC als Berater den Studierenden beibringt, wie man ein Beratungsprojekt aufsetzt; das heißt, wir fangen an mit der Vermittlung von Knowhow, wie ein Beratungsprojektes akquiriert wird. Anschließend erarbeiten die Studierenden in Gruppen eine Akquisitionspräsentation und stellen diese in dem entsprechenden Geschäftsbereich vor. Darauf gibt es dann ein Feedback. Dann wird Stück für Stück weiter an der Durchführung gearbeitet und am Ende wird eine Präsentation vor der Geschäftsführung des jeweiligen Bereiches gehalten. Bei einem Projekt mit dem Bereich FireSafety aus der Schweiz war all dies in ein Wettbewerbssetting eingebaut. Im Anschluss an die Endpräsentation in Berlin sind wir dann mit dem Siegerteam in die Schweiz gefahren und dort wurde die Präsentation vor der gesamten Geschäftsleitung wiederholt. Dies ist für uns der Prototyp von Projekten, in dem die Studierenden sich beweisen können. Klar ist auch, dass das ganze einen gewissen Recruitingaspekt hat. Wir wählen die Teilnehmer schon sehr dezidiert aus. Und von den Studierenden, die bei diesen Projekten mitgewirkt haben, haben einige auch konkrete Angebote bekommen, um dann Praktika zu absolvieren und gegebenenfalls auch tatsächlich im Unternehmen einzusteigen.
Denken Sie, dass es auch besonders in Zukunft für Unternehmen nötig sein wird, solche Kooperationen einzugehen um noch früher mit dem Recruiting zu beginnen und die künftigen Absolventen noch früher auf sich aufmerksam zu machen?
zKA: Man spricht an allen Stellen von dem sogenannten "War for Talents". Und dieser bezieht sich vor allem auf Studierende, die zumindest ein technisches Verständnis mitbringen. Nicht zwingend handelt es sich nur um Absolvent/innen rein technischer Studiengänge; auch und gerade Wirtschaftsingenieure, die wir hier ja ausbilden, sind sehr begehrt. Da müssen sich die Unternehmen natürlich schon entsprechend präsentieren, um als interessanter Arbeitgeber wahrgenommen zu werden. Ich bin der Überzeugung, dass dies nur dann geschehen kann, wenn ein gewisses Commitment dahinter steht. Auch gibt es CKI-Konferenzen. Damit versuchen wir speziell auch Studierende anzusprechen, für inhaltliche Fragestellungen zu faszinieren und sie darüber für Forschungsprojekte , aber eben auch für die Arbeit in so einem Unternehmen wie Siemens zu interessieren. Wenn wir ein Thema wie "Energy of the Future" haben und sowohl von Unternehmensseite als auch von interner Seite hierzu Beiträge bekommen – da merkt man schon, dass dies Themen sind, die uns alle etwas angehen. Wir haben da in den letzten Jahren guten Zuspruch gehabt. Und das ist eine gute Möglichkeit, um die Zusammenarbeit zwischen Uni und Unternehmen zu unterstützen.
Dipl.-Ing. Tim Franke (TF): Zudem gibt es noch ein paar unregelmäßige Veranstaltungen: Im letzten Herbst fand zum Beispiel ein halbtägiger Workshop statt, für den sich interessierte Studierende aus der Energietechnik bewerben und Fragen an den Chief Technology Officer aus dem Energiesektor stellen konnten. Das Ergebnis wurde dann auch in der Siemens Kundenbroschüre veröffentlicht.
Denken Sie, dass es auch besonders in Zukunft für Unternehmen nötig sein wird, solche Kooperationen einzugehen um noch früher mit dem Recruiting zu beginnen und die künftigen Absolventen noch früher auf sich aufmerksam zu machen?
zKA: Klassisch sind Anfragen nach dem Motto: "Können Sie uns mal die besten Examenskandidaten nennen. Wir wollen die mal gerne einladen." Da müssen wir dann klarstellen: "Entschuldigen Sie, aber so geht es natürlich auch nicht. Sie können nicht am Ende einfach nur die Sahne abschöpfen." Da gehört es auch dazu, dass man sich vorher engagiert und zeigt, dass man ein interessanter Arbeitgeber ist. Und wenn das nicht gemacht wird, haben wir auch kein Interesse daran, solche Vermittlungen vorzunehmen. So etwas ist immer ein Geben und Nehmen. Die Unternehmen sind interessiert an den guten Absolventen und wir möchten unsere Studenten natürlich auch unterstützen, etwas zu finden. Aber wir haben auch ein Interesse daran, dass diese Firmen sich hier bei der Lehre und der Ausbildung engagieren und dass wir so die Praxisnähe, die Anwendung von Wissen und damit letztlich die Intensität der Ausbildung erhöhen können.
Würden Sie auch sagen, dass viele Unternehmen diese neuen Notwendigkeiten schon verinnerlicht und ihre Recruitingstrukturen angepasst haben?
zKA: Die meisten Unternehmen haben ausgewählte Zieluniversitäten. Da habe ich gerade die Erfahrung mit zwei Firmen gemacht, die ich bezüglich der Förderung des Hochschullehrerverbandes für Betriebswirtschaft angeschrieben habe und eine Absage erhielt mit dem Argument, man würde jeweils schon drei Zieluniversitäten unterstützen. Und damit sind die Kapazitäten natürlich auch erschöpft. Das zeigt also, dass natürlich die Universitäten untereinander im Wettbewerb stehen, wie wir uns bei potentiellen Arbeitgebern positionieren können. Wir müssen zeigen, dass wir gute Absolventinnen und Absolventen produzieren und dass wir Studiengänge anbieten, die für die möglichen Arbeitgeber interessant sind.
Man sollte versuchen, die Angebote der Unternehmen mit dem normalen Lehrbetrieb zu verknüpfen, damit da auch eine Verbindlichkeit hinein kommt. Ich habe nämlich manchmal das Gefühl, die Studierenden werden überhäuft von Veranstaltungsangeboten mit Firmen und gehen am Ende vor diesem Hintergrund dann nirgendwo mehr hin. Wir selbst versuchen deshalb, diese Angebote sozusagen "Creditpointrelevant" zu machen und selber entsprechen- de Beiträge zu bringen, um sie für die Studierenden interessant zu machen.
Worauf sollten Studenten in dieser geänderten Situation achten? Kommt es überhaupt noch auf Noten an oder ist es viel wichtiger sich frühzeitig bei entsprechenden Angeboten zu engagieren und Erfahrungen zu sammeln, bzw. Kontakte zu knüpfen?
zKA: Letztlich muss man immer Beides haben. Gute Noten sind immer noch die "Baseline". Da gibt es natürlich genug Leute, die in Frage kommen, und von denen schaut man sich dann die Lebensläufe an. Und selbstverständlich ist es wichtig, ob man verschiedene Sprachen kann, ob man schon einmal im Ausland war, schon diverse Praktika gemacht hat, ob man auch sozial engagiert ist oder ob man ein Teamplayer ist.
Da gibt es eine interessante Erfahrung, die ich schon öfter gemacht habe: Es gibt gewisse Universitäten, die eine sehr hohe Reputation haben, speziell auch im BWL-Bereich. Wenn man von Absolventen aus diesem Bereich Lebensläufe bekommt, denkt man zunächst immer: "Wow! Das sind ja super Typen!", aber dann hat man auch des Öfteren den Eindruck, dass das Ganze ein bisschen inszeniert ist. Besonders soziales Engagement wird dann oft als Karrierebooster gesehen. Und da wird man als Endscheidungsträger nach einiger Zeit etwas müde, diese gestreamlineten Lebensläufe anzuschauen. Man möchte wissen, ob die Angaben wirklich authentisch sind.
TF: Das erscheint mir auch ein verbreitetes Problem zu sein. Gelegentlich kommen Studierende zu uns, die sich in irgendeiner Form engagieren wollen und fragen, welche Tätigkeit denn besser aussieht. Ich persönlich halte das für ziemlichen Quatsch. Die Leute sollen das machen, was sie interessiert! Dann werden sie über kurz oder lang engagiert und deutlich erfolgreicher sein, als wenn sie ständig über- legen, was gut ankommen könnte. Letztlich wird es immer irgendwen geben, sei es hier oder irgendwo anders auf der Welt, der entsprechend engagiert ist und der wird mir immer eine Nasenlänge voraus sein. Das heißt, entweder ich entwickele für etwas eine gewisse Leidenschaft oder ich werde niemals zu den Top 10-20% gehören. Und wenn man dann in ernsthafte Gespräche kommt, merkt auch jeder, dass das nur Fassade ist und dass ich eben doch nicht so interessiert bin, sondern eine Sache vielleicht nur mache, weil das in irgendeinem Karriereblatt stand.
Ihr Lehrstuhl ist in dem Bereich der Kooperation und der praxisnahen Ausbildung sehr gut aufgestellt. Glauben Sie, dass man die Schnittstellen zwischen Universität und Wirtschaft verstärkt angehen könnte, damit Studenten noch mehr Möglichkeiten bekommen ihr Wissen praxisnah anzuwenden?
zKA: Da gibt es natürlich immer noch weitere Möglichkeiten, so etwas zu tun. Aber ich möchte ja auch nicht, dass meine eigenen Lehrveranstaltungen zu einem Rahmen degenerieren, in dem nur andere Leute den Input geben. Wenn ich eine Veranstaltung anbiete, bin ich derjenige, der den zentralen Mehrwert schaffen muss. Und das heißt, ich bin nicht nur Organisator. Andererseits bin ich auch der Meinung, dass es nötig ist, auch für Abwechslung zu sorgen. Wenn eine Lehrveranstaltung immer nach dem gleichen Muster abläuft, nimmt die Faszination im Laufe des Semesters automatisch ab. Da kann ein Dozent noch so gut sein. Deshalb ist es immer reizvoll, Firmen und externe Referenten teilweise einzusetzen und dies insbesondere bei Themen, welche diese Leute aus der Praxis schlicht besser beherrschen. Wir arbeiten da mit einigen Beratungsunternehmen zusammen, die beispielsweise vorstellen, wie man Restrukturierungsprojekte durchführt. Die haben da viel Erfahrung und es wäre doch schade, diese Expertise nicht nutzen zu können. Solche Expert/innen sollten für die Lehre gewonnen werden und das wird in den meisten tech- nischen Fächern auch möglich sein. Die Herausforderung besteht eben darin, dass so etwas nicht nur als Lustveranstaltung wahrgenommen wird und nur mal "nice to hear" ist, ohne dass es auch unmittelbar in das Curriculum einge- passt ist. Wir haben, wie oben schon angedeutet, die Erfahrung gemacht, dass viele Studierende zu Veranstaltungen, die wir mit Unternehmen zusammen anbieten, gar nicht kommen, weil sie damit rechnen, dass das nicht klausurrelevant sein kann. Einerseits will ich mich dann auch nicht hinstellen und Druck ausüben, aber andererseits ist es auch schlicht und ergreifend peinlich, wenn man so eine Veranstaltung anbietet und es kommen nur 10 Leute. Da kann man auch schon einmal die Lust verlieren. Gleichzeitig ist mir auch bewusst, dass die Studierendensituation sich gegenüber früher verändert hat. Gerade in Berlin gibt es viele Studierende, die nebenher arbeiten um Geld zu verdienen.
Dadurch ist im Grunde die Prämisse eines Vollzeitstudiums gar nicht mehr erfüllbar und es fallen viele Freiheitsräume weg. Und da fallen dann gerade solche Praktikerveranstaltungen unten durch. Ich empfinde es schon als Herausforderung, das optimal zu organisieren. Eigentlich müsste man ja davon ausgehen, dass der Markt entscheidet. Wenn also ein entsprechendes Angebot interessant ist, dann wird es auch wahrgenommen. Aber ich bin mir eben nicht ganz sicher, ob dieser Markt so funktioniert. Immerhin investiert der Praktiker auch eine Menge, damit wir die Möglichkeit bekommen, etwas anzubieten, und wenn dann unsere eigenen Studierenden so ein bisschen das Gefühl vermitteln "Das interessiert mich nicht!" ,haben wir ein echtes Problem.
An Ihrem Lehrstuhl ist außerdem die Idee eines Honorsstudiums enstanden. Könnten Sie dies ein wenig genauer erläutern?
zKA: Bei dieser Idee geht es darum, dass Studierende, die bestimmte Leistungen erfüllen, ein zusätzliches Angebot bekommen und dafür auch ein zusätzliches Zertifikat erhalten können. Das würde wahrscheinlich nicht über eine Prüfungsordnung laufen, sondern wäre vielmehr ein inoffizielles Zertifikat. Ich möchte das einmal ganz grob skizzieren: Es müsste ja so sein, dass zum Beispiel ab dem dritten Semester die Leuten, die vielleicht einen gewissen Notendurchschnitt erfüllen, in dieses Honorsstudium eingeladen werden. Dann würde man pro Semester sagen wir mal 10 Veranstaltungen, vor allem Workshops, aber auch zusätzliche akademische Veranstaltungen anbieten. Und wenn man dann etwa 5 der 10 Kurse innerhalb von 2 Semestern absolviert, bekommt man das entsprechende Zertifikat. Bei die- sen Workshopangeboten müssten wir uns zu einem großen Teil auf Unternehmen verlassen, die entsprechende Angebote machen. Das würde wiederum den Unternehmen die Möglichkeit geben, sich hier zu positionieren und das in einer Weise, dass am Ende ein akademisches Incentive, in der Form eines Zusatzzeugnisses, dabei ist. Allerdings ist es im Moment recht schwierig, unsere Ressourcen für die Umsetzung einer solchen Idee zu binden. Nichts desto trotz ist dies die Vision, die wir hier an der Fakultät haben und die auch dazu beitragen soll, dass wir unsere Fakultät attraktiver für Studierende machen.
Der Wirtschaftsingenieurstudiengang ist in der Konkurrenz mit anderen technischen Hochschulen im Moment noch nicht optimal positioniert. Und natürlich müssen wir etwas tun, um die Studierenden hier her zu bekommen. Da haben wir einfach Nachholbedarf. Auch wenn wir auch nicht immer ganz glücklich sind mit den Urteilen, die irgendwo abgegeben werden.
Wenn ich ehrlich bin, habe ich keinen systematischen Anlass zu vermuten, dass die TU Berlin-Studierenden bei den Befragungen kritischer sind als diejenigen, die in Aachen studieren. Aus meiner eigenen Lehrerfahrung muss ich aber sagen, dass ich die Studienbedingungen hier ausgesprochen attraktiv finde. Ich weiß, dass bei den Grundlagenveranstaltungen der Hörsaal natürlich immer bis zum Rand voll ist, aber schon bei weiterführenden Bachelorkursen sitzen nur noch ganz wenige Leute da, sodass unsere Studierenden gut betreut werden. Ich habe nicht viele Vorstellungen davon, was man noch so viel besser machen könnte, damit den Studierenden das Studium attraktiv erscheint. Meine Vermutung ist, dass es eine Reihe von Äußerlichkeiten gibt, die recht schlecht laufen. Da gibt es vielleicht Unis, die in einigen Bereichen besser organisiert sind. Aber von der inhaltlichen bzw. der didaktischen Seite her habe ich keinen Anlass zu vermuten, warum da andere so viel besser sein sollen. Obwohl andersherum natürlich außer Frage steht, dass die meisten anderen Universitäten auch hervorragende Studiengänge anbieten. Aber wir haben in Berlin einen enormen Standortvorteil und mit interessanten Angeboten, zu denen das Honorsstudium gehören könnte, müsste es uns selbstverständlich gelingen, noch mehr sehr gute Studierende anzuziehen.
Das Interview führte Jan Cina Mingo
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